Modernisierung der Jugendarbeit
Interview mit Christoph Geißler
Fachberater bei der Kölner Jugendzentren gGmbH.
Jugendzentren gGmbH (JugZ) neu organisiert. Ist die JugZ eine Erfolgsgeschichte oder
nur der der Versuch die überstrapazierten großstädtischen Finanzen zu entlasten? Fachberater Christoph Geißler, der die JugZ seit
ihrer Gründung begleitet hat, versucht im Interview eine Bilanz.
Herr Geißler, die Kölner Jugendzentren gGmbH, kurz JugZ gGmbH, gibt es nun seit 10 Jahren.
Sie ist das Ergebnis der Privatisierung der städtischen Jugendzentren. Eine Privatisierung
bietet Chancen, schürt aber auch immer Befürchtungen bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einerseits werden bürokratische Hindernisse abgebaut,
die für eine Stadtverwaltung typisch sind, aber nicht gut zu einer offenen
Jugendarbeit passen, die flexibel handeln muss. Wie fällt die Bilanz nach 10 Jahren aus?
Für unsere 19 übergeleiteten Jugendeinrichtungen war der Wechsel eine große Umstellung. Noch heute wundern sich manche Mitarbeiter darüber, dass die Pädagogik unbürokratisch im Vordergrund steht. Es gibt kaum Hierarchien,
bei allen wichtigen Angelegenheiten gibt es Gremien
der Mitwirkung und entschieden wird nach Plausibilität und der Erfolg unserer Arbeit ist
das Maß der Dinge. Die früher so vertrauten „versicherungstechnischen Aspekte“ z.B., die
eine Ablehnung plausibel machen sollten, sind ersatzlos entfallen. Wir können unsere
Finanzmittel klug einsetzen und haben unser Programm und Angebot für Kinder und
Jugendliche stark erweitert und verbessert.
Wir reagieren nicht nur, wir setzen auch Impulse. Schauen Sie aktuell auf unsere
Umweltaktion, bei der wir den Nutzen für unser Budget mit dem Nutzen für die Umwelt
verbinden. Das war früher undenkbar. Der Nutzen aller klugen, pädagogischen und
finanziellen Entscheidungen bleibt nun bei uns und wird unmittelbar in die Jugendarbeit
investiert. Wir nehmen für uns in Anspruch die Landschaft der Jugendeinrichtungen in
Köln verändert zu haben. Unsere Jugendzentren sind nicht mehr Orte von Kicker, Tischtennis
und Billard! Wir verfolgen mittlerweile einen stärker familienbezogenen Ansatz,
leisten Bürgerservice und investieren stark in die Aufgabe der außerschulischen Bildung.
Andererseits verfügt ein städtischer Angestellter über einen in hohem Maß sicheren und
geschützten Arbeitsplatz. Hat das Berufsleben außerhalb der geschützten Stadtverwaltung
Auswirkungen für Sie gehabt?
Das ist eigentlich kein großes Problem gewesen, denn wir sind Mitglied im Kommunalen
Arbeitgeber Verband (KAV) und zahlen Tariflohn. Schwierig wurde es im Jahr 2003, als eine
Finanzkürzung aufgrund politischer Rahmenbedingungen ins Haus stand. Da haben wir als JugZ
gGmbH leider die Freiheit ganz anders kennen lernen müssen. Wir mussten nicht nur
Planstellen abbauen, sondern auch einige Mitarbeiter entlassen. Das gehört nicht unbedingt
zum Handlungsrepertoire von Sozialarbeit. Ich habe damals eine ernste Krise gehabt und kam
damit nicht wirklich klar. Wir mussten den Unterschied zwischen Wegfall einer Planstelle
und dem Menschen, der diese inne hat, erleben.
Glücklicherweise ist das die Ausnahmesituation. Heute habe wir sogar einige neueStellen
geschaffen, durch fünf OGS-Kooperationen mit Schulen und ein Projekt JugZ-Bildung,
für das wir bereits fünf neue Arbeitsplätze mit Hilfe von „Neue Arbeit Köln“ schaffen
konnten.
Für Köln ist die Privatisierung der Jugendzentren modellhaft gewesen. Die Kindertagesstätten
sind diesem Beispiel gefolgt oder auch die Sportstätten der Schulen. Für die Stadt
stehen dabei natürlich vor allem Kostenfragen im Mittelpunkt. Werden hier kostengünstig
ungeliebte Einrichtungen entsorgt, oder werden sie finanziell so ausgestattet, dass sie
ihre Aufgabe erfüllen können?
Da muss ich widersprechen. In Köln war eine Erhöhung der Effektivität genau so wichtig, wie die der Effizienz, also die Kostenfrage. Natürlich haben sich der Kämmerer und
die Politiker gefreut, dass wir mit weniger Mitteln arbeiten und das auch schaffen.
Unser Ziel war es jedoch von Anfang an, mit diesen reduzierten Mitteln bessere Jugendarbeit
zu machen. Und das hat funktioniert. So gut, dass wir auf Wunsch von Rat und Verwaltung
gewachsen sind und nunmehr 22 Jugendeinrichtungen haben.
Wir haben die große Unterstützung aller politischen Parteien und der Jugendverwaltung,
die die JugZ gGmbH zur Verbesserung der Jugendarbeit gegründet haben. Kaputtsparen,
wie das Outsourcing heute leider allzu oft betrieben wird, war in Köln nicht das Ziel!
Dafür möchte ich mich auch an dieser Stelle noch einmal bei allen Entscheidungsträgerinnen
und -Trägern bedanken.
Das heißt natürlich nicht, dass wir genug Mittel haben. Wir wissen aktuell noch nicht,
ob und wie wir die Tariferhöhung 2008 stemmen können. Bei der Erwirtschaftung von
Eigenmitteln haben wir die Schmerzgrenze vermutlich erreicht. Wir werden wohl noch
mehr auf die Energiekosten achten müssen. So haben wir z.B. zwei Fotovoltaikanlagen
auf Dächern installiert, um die Stromkosten zu reduzieren. Wir suchen nach weiteren
Einsparpotentialen außerhalb des pädagogischen Auftrages und hoffen, dass der Rat der
Stadt uns bei der Bewältigung der Kostensteigerungen nicht alleine läßt.
Nicht alle städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind vor 10 Jahren den Weg
in die JugZ mitgegangen. Das hat den Weg in den Jugendzentren frei gemacht für viele
junge Leute. Ihr Elan und ihre Nähe zur Lebenswelt von Jugendlichen haben der JugZ in
ihren Anfängen sicher gut getan. Wo stehen diese Leute nach 10 Jahren und welche
Möglichkeiten kann und muss ein Träger haben, um motiviertes
Personal nicht nur zu halten, sondern ihm auch Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten?
Ja das stimmt, weniger als die Hälfte sind mitgegangen. Eine große Karriere kann man
bei uns leider nicht machen, denn Aufstiegsmöglichkeiten haben wir kaum. Aber wer macht
Jugendarbeit für das große Geld? Bei uns gibt es die Möglichkeiten zu gestalten, die
Freiheit Neues auszuprobieren und die Sicherheit, dass die Fachberater und „Chefs“
Marianne Bischoff und Christoph Geißler hinter den Mitarbeitern stehen, auch dann, wenn
mal ein Projekt scheitert.
Das hat sich herumgesprochen und viele junge Kolleginnen und Kollegen ergänzen unser
Team und übernehmen Verantwortung.
Gute Erfahrungen haben wir damit gemacht, dass Kolleginnen und Kollegen in eine andere
Jugendeinrichtung wechseln. Das gibt neue Impulse und wirkt wie ein Stellenwechsel
oder eine Fortbildung. Bereits seit Jahren haben wir eigene Gruppen und Konzepte des
Qualitätsmanagements entwickelt. Kollegiale Beratung, Supervision und Fortbildung in
diversen Formen ist Firmenphilosophie. Wir fördern unsere Mitarbeiter, weil die Aufgabe
„Jugendarbeit“ Qualität fordert.
Manche Mitarbeiter haben uns natürlich in den letzten Jahren verlassen, um in einem ganz
anderen Bereich oder in einer anderen Region zu arbeiten. Wir unterstützen dies und
gewähren gezielte Fortbildungen und auch Supervision, damit Mitarbeiter auch außerhalb
der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Chancen haben. Jugendarbeit bleibt immer sehr
anstrengend, ein Stellenwechsel war für einige eine gute Chance, diesen Stress abzubauen.
Wie motiviert unsere Leute sind und wieviel Spaß sie an der Arbeit haben, müßte man sie
eigentlich selbst fragen, kann es aber auch am Ergebnis ablesen. Wir erleben sie als sehr
engagierte, fleißige und kompetente Mitarbeiter. Sie sind einerseits offen für neue
Entwicklungen und helfen das Gute zu bewahren. Und ein bisschen verrückt darf man sicher
sein, das fordert die Nähe zur Jugend. Das ist verschärftes Lob.
Jede Statistik der letzten Jahre sagt uns, dass die soziale Kluft in Deutschland
wächst und dass die Durchlässigkeit der Gesellschaft nach oben geringer wird. In
Gegenrichtung trifft das Gegenteil zu, die Gefahren des sozialen Abstiegs steigen,
wobei es Faktoren gibt, die dies beschleunigen. Ein Kind allein groß zu ziehen oder aus
einer Einwandererfamilie zu stammen, gehören zu solchen Faktoren. Welche Konzepte
braucht die Jugendhilfe um Teil einer Gesamtstrategie gegen die Spaltung der
Gesellschaft zu sein? Welche Bündnisse muss man auf Stadtteilebene eingehen?
Wie muss die offene Ganztagsschule ausgerichtet werden?
In dieser Frage liegt eine große Verführung: Wir könnten uns auf die Arbeit mit den sog.
„sozial Benachteiligten“ beschränken und in dem Gefühl leben, das richtige für unsere
Gesellschaft zu tun.
Wir verfolgen jedoch zusätzlich den integrativen Ansatz. Wir wollen Jugendliche der
unterschiedlichen Gruppen, Nationalitäten, Schichten und Szenerichtungen fördern und
nach Möglichkeit zusammenführen.
Es gibt zunehmend Verlierer der gesellschaftlichen Veränderungen.
Von diesem sozialen Abstieg ist insbesondere die sogenannte Mittelschicht bedroht.
Eine Durchlässigkeit nach oben, wie gefragt, sehe ich weniger, als die nach unten.
Ich denke, wir müssen diese „Modernisierungsverlierer“ schützen und unterstützen.
Vor allem durch Bildung.
Thomas Rauschenbach kommt in einem Vortrag aus dem Jahr 2004 dem Schluß:
So ergibt sich unter dem Strich für eine moderne Kinder- und Jugendarbeit am Ende
eine strukturell ausgesprochen zwiespältige Situation: Obwohl sie in Zeiten einer
fortschreitenden Individualisierung wichtige und wertvolle Chancen der Gesellung, des
sozialen Lernens, der Partizipation, der politischen Bildung, der Sozialintegration und
der Selbsterprobung bietet, droht sie – in Anbetracht der finanziellen Mittelkürzungen
und der damit einhergehenden Infrastrukturgefährdung – gleichzeitig für immer weniger
Jugendliche immer weniger selbstverständlich zu werden.
Und dies unter Vernachlässigung der „wichtigen Einsicht, dass – so internationale
Schätzungen – rund 60 bis 70 Prozent aller Fähigkeiten und Fertigkeiten außerhalb
von Schule und Unterricht erworben werden“.
Wir haben nicht die Finanzmittel umfassend kompensatorisch zu arbeiten und soziale
und finanzielle Benachteiligungen auszugleichen. Wir fördern daher seit einigen Jahren
mit aller Kraft die Teilhabe der Jugendlichen an politischen und gesellschaftlichen
Prozessen. Partizipation gelingt uns sogar an Standorten, wo man sich früher nur
Armenfürsorge vorstellen konnte. Mit unserer neuen Struktur außerhalb der Stadtverwaltung
können wir auch besser und intensiver mit den politischen Parteien, den politischen
Gremien und Netzwerken zusammenarbeiten. An einigen Beiräten der Bezirksvertretungen
nehmen mittlerweile auch Jugendliche teil und vertreten die Anliegen der Jugend selbst.
Damit arbeiten wir gegen die Spaltung der Gesellschaft.
Ein Blick voraus: Wie wird die JugZ in 10 Jahren aussehen? Wird es das klassische
Jugendzentrum dann noch geben, oder findet offene Jugendarbeit dann woanders statt.
In der offenen Ganztagsschulen oder bei Events wie der CyberJugZ?
Ich denke, unsere Stärke liegt vor allem darin, dass wir gewohnt sind, in die Zukunft
zu schauen und Entwicklungen und Veränderungen aufzunehmen und uns darauf einstellen.
Aktuell haben wir das Konzept „Jugend und Gemeinschaftszentren“ entwickelt. Wir wollen
dazu beitragen, Kinder, Jugendliche und ihre Eltern wieder stärker zueinander zu führen.
Sie motivieren, ihre Freizeit auch mal wieder gemeinsam zu verbringen. Unsere
AbenteuerHallen KALK sind dafür hervorragendes Beispiel. Früher brauchten Jugendliche
einen „erwachsenenfreien“ Raum. Heute müssen sich Erwachsene und Jugendliche wieder mehr
auf den anderen einlassen und Streitkultur und Respekt vor dem anderen neu erlernen.
Veränderungen wird es sicher bei den Öffnungszeiten geben: Noch mehr Öffnung abends
und an Wochenenden und noch mehr interessante Veranstaltungen auch in den kleineren
Einrichtungen. Für diese Vermutung brauche ich kein Visionär zu sein.
Da wir diese Anforderungen jetzt und aus eigenem Antrieb angehen, macht mir die
Zukunft keine Angst. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit hat sich in den letzten
100 Jahren ständig erneuert, den Trends angepasst und manche neue Trends entwickelt.
Wenn wir und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wach bleiben, machen wir auch in vielen Jahren
gute gemeinwesenorientierte Jugendarbeit, - wie auch immer diese aussehen mag.
Quelle: www.jugendhilfeportal.de
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