Erklärung der JugZ gGmbH zu den Ereignissen in Frankreich
Wenn Jugendarbeit in Deutschland im Blickpunkt der Öffentlichkeit und der Medien steht, ist das
zunächst einmal positiv. Man erinnert sich offenbar, dass Jugendarbeit eine wichtige Aufgabe in
unserer Gesellschaft wahrnimmt. Auch wenn die Wirkung von Jugendarbeit nicht nach Schulnoten
gerechnet werden kann und die Erfolge in keiner Pisa-Studie belegbar werden. Es handelt sich
schließlich um soziales und nicht kognitives Lernen.
Allerdings ist der Anlass unerfreulich, die Situation in Frankreich nicht wirklich vergleichbar
mit der hiesigen und einen Teil der Darstellung in den Medien empfinden wir als grenzwertig.
Immer wieder wird Jugendlichen vor laufender Kamera die Frage gestellt, ob solche Ereignisse,
wie in Frankreich, brennende Autos und abgefackelte Schulen auch hier möglich wären. Die befragten,
meist ausländischen Jugendlichen haben über Zusammenhänge und Hintergründe der französischen
Gesellschaft zu wenig Informationen, sollen aber vergleichende Bewertungen abgeben. Ist das fair?
Das verläßt unseres Erachtens die seriöse Berichterstattung und nähert sich der Inszenierung.
In allen Stadtteilen Kölns wird man Menschen finden, die solche Entwicklungen auch bei uns für
möglich halten. Dafür muss man nicht nach Meschenich oder Chorweiler gehen. Kein Land kann ausschließen,
dass soziale Konflikte eskalieren können. Dafür braucht man nicht in die cityfernen Stadtteile
nordrheinwestfälischer Großstädte gehen. Wir befürchten eher erneute Stigmatisierung dieser Stadtteile;
die in vielen Jahren geleistete Integrationsarbeit wird konterkariert. Wir und alle anderen sozialen
Institutionen arbeiten seit Jahrzehnten in Köln daran, dass ein soziales Netz zur Integration aufgebaut
und gepflegt wird.
„Banlieue“ werden in Frankreich die Vorstädte genannt, dieser Begriff bedeutet nicht nur Vorstadt,
sondern auch „Bannmeile“, also Orte wo man besser nicht hingehen sollte. Eine solche ausgrenzende Denke
haben wir in Köln nicht. In Stadtvierteln, „Veedel“ genannt, können deren Bewohner eine soziale
Identifizierung erleben und die Unterschiede des Gemeinwesens lieben (lernen). Rassistische Ausschreitungen
der Polizei gegen ausländische Jugendliche, wie wir sie zumindest in den Medien über die französische
Polizei vermittelt bekommen, sind bei uns nicht denkbar.
Der Ansatz unseres Trägers zur Integration von Migranten ist
„Einheit in Verschiedenheit“
Die Einheit ist Deutschland, wo Gewaltenteilung, das Gewaltmonopol des Staates, die Gleichheit
von Mann und Frau, und die Trennung von Kirche und Staat wesentliche und unverzichtbare Grundsätze
unseres Staates sind. Unsere gemeinsame Sprache ist Deutsch und deshalb müssen alle diese Sprache
beherrschen lernen. Verschiedenheit bedeutet, von der kulturellen Vielfalt aller lernen und sie als
gleichwertig akzeptieren. Wir als Träger betreiben in Köln 22 Jugendeinrichtungen, wir sind Profis in
Fragen der Prävention, unsere Aufgabe ist Integration.
Wir arbeiten gemeinsam mit vielen anderen sozialen Trägern, mit Schulen, mit der Polizei und nicht
zuletzt mit den Politikern am Aufbau von Netzwerken, die soziale Unterschiede kompensieren und Integration
ermöglichen. Solche Arbeit ist die beste und vermutlich einzige Möglichkeit Desintegration und soziale
Spannungen zu verhindern.
Dafür braucht man jedoch einen langen Atem, Kontinuität und Verläßlichkeit. Wenn Konflikte erst einmal auf
der Ebene der Gewalt auf der Straße sind, sollte Jugendarbeit keine schnellen Lösungen versprechen. Wer
dann erst in präventive Kinder- und Jugendarbeit investiert, handelt zu spät.
In Köln haben wir jedoch zur Zeit die größte mögliche „große Koalition“ in dieser Frage. Der
Jugendhilfeausschuss und der Rat haben für das Jahr 2005 einmütig beschlossen, die Kürzungen des Landes
zu kompensieren, um weitere Schließungen von Jugendeinrichtungen zu verhindern. Dies ist nach unserer
Meinung das richtige Signal.
Jugendeinrichtungen erreichen in Köln keine flächendeckende Versorgung. Aber auch die Kinder und
Jugendlichen, die gar keine Jugendzentren besuchen, wissen dass es sie gibt. Sie spüren, dass der Staat
etwas für sie tut, sie ernst nimmt, dass es Orte gibt, in der sie sich ausdrücken können und dürfen, ob mit
HipHop, Musik, Zirkus, Sport oder ihren eigenen Kreationen von Jugendkultur.
Sorgen machen sich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die von ihnen betreuten Kinder und
Jugendlichen immer dann, wenn Gerüchte über Schließungen aufkommen. Wird der Landesetat zur Förderungen von
Offener Jugendarbeit in 2006 wieder aufgestockt? Bekommen die Jugendeinrichtungen auch dieses Geld, oder
werden diese Mittel an Schulen „umgeleitet“? Steht dann wieder die Frage nach Schließungen im Raum?
Eine der auch von uns am wenigsten gelösten Aufgaben im Rahmen der Integration ist die Partizipation von
Jugendlichen.
Wir müssen stärker Räume und Möglichkeiten zur Teilhabe eröffnen, Lernfelder zur Beteiligung an Politik und
Gesellschaft schaffen, die nicht nur als „Spielwiese“ oder zur Simulation genutzt werden. Wenn Chancen der
Mitwirkung und Gestaltung für Jugendliche erlebbar werden, können wir das Gefühl der Ohnmacht, der
Ausgrenzung und der Randseitigkeit bei ihnen vermeiden.
Nur wenn wir den Interessen der Jugend gleiches Gehör und vor allem Sprache verschaffen, sie wirklich ernst
nehmen, können wir gewappnet sein vor solchen Eskalationen, wie sie derzeit in französischen Großstädten
jede Nacht ausbrechen.
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